Water calligraphy: Nicholas Hanna schreibt für die Vergänglichkeit

Wasserkalligraphie: die Idee

Nicholas Hanna lebt bereits seit 3 Jahren in Chinas Hauptstadt Peking. Der Künstler beobachtete eines Tages in einem Park ein merkwürdig anmutendes Hobby einiger Chinesen: Wasserkalligraphie. Dabei werden mit Wasser Botschaften mit einem großen Pinsel auf den trockenen Boden geschrieben, die kurze Zeit später verdampfen und für immer verloren sind. Nicholas Hanna wurde sich spätestens dort der Schönheit der chinesischen Schriftzeichen bewusst und hatte eine innovative Idee. Er verband die Schönheit des asiatischen Hobbies mit einer westlich-technologischen Herangehensweise. Heraus kam das „Water Calligraphy Device“.

Nicholas Hanna und sein "Water Calligraphy" Fahrrad © Mathias Magg


Nicholas, du arbeitest derzeit in China. Viele chinesische Künstler versuchen aus China zu flüchten. Du hast dich entschieden dort zu leben und zu arbeiten. Warum?

Ursprünglich bin ich nach China gezogen, weil ich nach Arbeit als Architekt gesucht hatte. Ich sammelte dann einige Erfahrung in China, die mich dazu brachten meine Ziele zu ändern und Projekte anzugehen die für mich persönlich interessanter waren.

Was sind die Unterschiede wenn du die künstlerische Arbeit in Deutschland mit der in den USA vergleichst?

Ich weiß nicht einmal wo ich anfangen soll um diese Frage zu beantworten. Das Arbeiten in einer asiatischen Kultur ist sehr unterschiedlich von der in der westlichen Welt. Da gibt es tausend Unterschiede, manche sind groß, manche klein. Manchmal ist es ein Vorteil, manchmal ein Nachteil. Ich beantworte die Frage mal langweilig: Einer der größten Unterschiede ist die Sprache. Ich musste für ein Projekt eine große Zahl an Lieferanten besuchen. Manche von ihnen zwei bis drei Mal in der Woche. Vor jedem Meeting musst ich über eine Stunde Wörter im Wörterbuch nachschlagen und selbst dann hatte ich nur eine ungefähre Idee davon, was ich sagen sollte und nach was ich fragen sollte oder konnte.

Water Calligraphy Gerät im Einsatz- Nicholas Hanna © Mathias Magg



In der DDR gab es eine florierende und kritische Kunstszene. Gibt es in China heute ähnliche Entwicklungen?

Zensur ist fester Bestandteil des Lebens hier. Die Chinesen haben raffinierte Wege entwickelt um ihre wahren Gedanken auszudrücken: Einen indirekten Schreibstil, Code-Wörter oder Bilder die indirekt auf Tabuthemen verweisen. Ein klassisches Beispiel ist der Ausdruck „river crab“, ein chinesisches Homonym , das u.a. „Harmony“ bedeutet. Das verweist auf die „Harmonie-Doktrin“ der Regierung, die abweichender Meinungen unter dem Deckmantel des sozialen Fortschritts unterdrückt.

Nicholas Hanna sorgt immer wieder für ungläubiges Staunen © Mathias Magg

Hast du selbst Erfahrungen mit der chinesischen Zensur gemacht?

Mein „Water Calligraphy“ Projekt sollte auf einer Ausstellung präsentiert werden, die von der Regierung veranstaltet wurde. Diese Entscheidung wurde dann überprüft und das Projekt als zu riskant eingestuft, weil sie nicht wussten, was ich schreiben werde (ich hatte beabsichtigt aktuelle Regierungsstatements zu schreiben). Sie haben mir nicht erlaubt das Kalligrafiegerät dort zu zeigen, aber ich konnte es dann zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort nachholen.

Mehrere elektrisch gesteuerte Drüsen erzeugen das Schriftbild, in Abhängigkeit der Bewegung des Rades © Mathias Magg


Was ist die Geschichte hinter dem „Water Calligraphy“ Rad?

Die Inspiration kommt aus dem Beobachten von Chinesen, die Wasserkalligrafie in vielen Parks in und um Peking betreiben. Ich hatte bereits eine tiefe Bewunderung für die Schönheit und Eleganz der chinesischen Sprache, aber es auf diese Weise im Park geschrieben zu sehen war besonders fesselnd für mich. Ich mag auch den Aspekt der Zwecklosigkeit im Akt des Schreibens mit Wasser. Es trotzt dem Hauptzweck des Schreibens: etwas Dauerhaftes zu schaffen, etwas festzuhalten und Gedanken und Informationen zu übertragen. Es gibt eine besondere Schönheit des Wasserschriftbildes und wie es sich verändert, wenn das Wasser verdunstet.

Nicholas Hanna schreibt während des Fahrens auf seinem Notebook die Botschaften, die sogleich hinter ihm auf die Straße geschrieben werden © Mathias Magg


Mit deinem “Water Calligraphy” Rad kannst du innerhalb kurzer Zeit sich selbst auflösende Botschaften an eine unbestimmte Menschenmasse übermitteln. Das perfekte Mittel um direkte Kritik zu äußern ohne gleich im Gefängnis zu landen?

Wir leben im Zeitalter der Videokamera und von CCTV. Nur weil etwas nicht beständig ist, heißt das nicht, dass man dafür nicht im Gefängnis landen wird.

Weniger ästhetisch, mehr praktisch sind die automatisch generierten Schriftzeichen © Mathias Magg


Wofür genau nutzt du denn das Gerät?

Die Hauptpassagen der Texte sind Regierungsbotschaften. Die Regionalregierung in Peking verbreitet Botschaften in der Stadt, um die Bürger aufzufordern sich zivilisierter zu verhalten. Bsp. „Um eine zivilisierte Gesellschaft zu erhalten: Sei ein zivilisierter Bürger“ (树文明新风 做文明市民). Diese Botschaften sind etwas charakteristisches, sie beschreiben die Mentalität eines Gebietes. Ich finde da gibt es ein kritisches Element, ein Element des Widerstandes im Akt der immer beständigen Wiederholung. Jedes Mal wenn du eine dieser dämlichen Botschaften wiederholst, wird die Idee dahinter banaler und wirkt bedeutungsloser.

Bürgernah und präzise: ein schön anzusehendes Kunstschauspiel © Mathias Magg